Am vergangenen Mittwoch hatte ich endlich einmal das Glück Jim Hall live, bei einem seiner Konzerte zu erleben.
Um kurz nach halb Neun betrat ein Mann mit Stock, Weste und Schnäuzer die Bühne.
Das Gehen schien ihm nicht mehr ganz einfach zu fallen, doch mit seiner ersten Ansage an das Publikum wurde es offensichtlich, dass Jim Hall in den kommenden zwei Stunden, die Zuhörer, des bis auf den letzten Platz ausverkauften Bimhuises in Amsterdam, zusammen mit seinen Mitmusiker, Scott Colley am Kontrabass und Joey Baron am Schlagzeug, in seinen Bann zu ziehen würde.
Auf seiner Set-List standen Standards wie “All the Things You Are”, und “My funny Valentine”, Eigenkompositionen wie “All Across the City” und ” Careful” so wie frei improvisierte Stücke im Duo und im Trio mit seinen Mitmusikern.
Zu erleben war ein hoch konzentriert agierendes Trio, bestehend aus Weltklasse Musikern des Jazz, welche die Musik und die gemeinsame Interaktion in den Mittelpunkt stellten.
Durch die Zurücknahme der Lautstärke, teilweise auf ein absolut akustisches Niveau, war es im Konzertsaal oft so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dass Vorurteil, dass Gitarristen immer zu laut seien (wie neulich von Andre Nendza in seinem Blog schön treffend pointiert), galt hier zu keinem Moment. Im Gegenteil, oft war Scott Colley der lautstärketechnisch präsenteste.
Diese Ausgangsbedingungen brachten es mit sich, dass die Parameter eines typischen Jazz Solos:
lauter, schneller, noch schneller, noch lauter, bei diesem Konzert nicht angewandt wurden.
Im Gegenteil, der Schachzug die Lautstärke zu reduzieren, brachte es mit sich, dass eine Intensität des Zuhörens entstand, die ich in dieser Art, noch nie bei einem Konzert mitterlebt habe. Wollte man von der Musik etwas mitbekommen, so blieb nichts anderes übrig, als alle aufkommenden Gedanken abzuschalten und sich zu fokussieren.
Als Assoziation erschien mir an diesem Abend öfter das Bild eines Philosophen der alle sophistischen Floskeln vermeidend, mit einer Eloquenz schwierigste Sachverhalte wie das einfachste und plausibelste der Welt erscheinen lassen konnte. Ein Philosoph der festgestellt hat, dass Wahrheit und Erkenntniss, im Gegensatz zu heutiger Praxis nicht immer hinausgeschrien werden müssen, in der Hoffnung seinem gesagten Nachdruck zu verleihen – wer zuhören will kann zuhören. Eine ebenso simple wie geniale Haltung.
Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Gitarrist mit seiner Spielauffassung als Vater des modernen Jazz für Gitarristen angesehen werden muss und dass so unterschiedliche Gitarristen wie Peter Bernstein, Nels Cline, John Scofield, oder Bill Frisell, Jim Hall zu ihren prägendsten Einflüssen zählen.
Ich wünsche Jim Hall für seine nächsten Jahre das Beste. Dieses Konzert wird mir, im Gegensatz zu vielen anderen, bestimmt noch länger in guter Erinnerung bleiben.
Hoffentlich ergibt sich für mich noch einmal eine Möglichkeit ihm zu zuhören.